Bericht der Antidiskriminierungsstelle Steiermark

Junge Menschen sind von aktuellen Diskriminierungsentwicklungen besonders stark betroffen

Wohnungsmarkt, Bodyshaming und Digitalisierung: Aktueller Antidiskriminierungsbericht zeigt bedenkliche Entwicklungen bei der Altersdiskriminierung auf.

Es sind Schwerpunktthemen, die für das diskriminierungsfreie Zusammenleben der Gesellschaft in Zukunft eine große Rolle spielen werden: Bei der Präsentation des aktuellen Berichts der Antidiskriminierungsstelle Steiermark strich Daniela Grabovac, die Leiterin der Stelle, drei auffallende Entwicklungen heraus, die zu einem großen Teil auch mit Altersdiskriminierung zu tun haben. Zum einen betrifft dies den Lebensbereich Wohnen mit extrem steigenden Preisen für Miete, Heizen sowie Strom und daraus resultierend einer sozioökonomischen Benachteiligung der Bevölkerungsgruppe von Menschen unter 30 Jahren. Zum anderen ist es die Digitalisierung sowie die Ausbreitung der sogenannten Künstlichen Intelligenz, die immer wieder für ältere Menschen eine Diskriminierung darstellt. Als drittes Schwerpunktthema rückt die Antidiskriminierungsstelle Steiermark das wachsende Problem des „Bodyshamings" in den Fokus, das die Jugend vor immer größere Herausforderungen stellt. „Auffallend bei den aktuellen Entwicklungen ist, dass in den unterschiedlichen Be reichen verstärkt junge Menschen von Benachteiligungen betroffen sind", so Grabovac.

Jahresbericht 2020/21
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Diskriminierung am Wohnungsmarkt

Dies belegt auch eine von der Antidiskriminierungsstelle Steiermark in Auftrag gegebene Studie zum Forschungsaspekt „Diskriminierungsfreier Zugang zu Wohnraum in der Steiermark". Die neuen Erkenntnisse der Studie, die vom Europäischen Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (ETC Graz) durchgeführt wurde, zeigt negative Entwicklungen am Wohnungsmarkt hervorgerufen durch aktuelle Ereignisse in den vergangenen zwei Jahren wie die Pandemie oder den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Vor allem im Jahr 2022 verschärfte sich der ökonomische Druck auf die steirische Bevölkerung aufgrund der soziopolitischen und -ökomischen Entwicklungen. Insbesondere junge Menschen unter 30 Jahren haben mit den Folgen dieser Preisanstiege zu kämpfen und sehen sich mit existenziellen Problemen konfrontiert. Sie zählen folglich zu den sozioökonomisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen.

Grabovac: „Aufgrund ihrer schwächeren sozioökonomischen Lage haben sie keinen diskriminierungsfreien Zugang zu angemessenem Wohnraum. Das bedeutet, dass auch im Jahr 2022 das Menschenrecht auf angemessenen Wohnraum nicht für alle Einwohner*innen gewährleistet ist." Gefordert wird u.a. nun die Schaffung von Wohnungen für Menschen in prekären Lebenslagen, die Zweckbindung von Wohnbauförderung zugunsten einkommensschwächeren Menschen sowie die Gestaltung von inklusiven Zugangsbestimmungen für das kommunale, gemeinnützige, geförderte Wohnen. Diese und weitere Empfehlungen gehen aus der Initiative „Ware Wohnen Menschenrecht" des Forumtheaters InterAct hervor, an der sich mehr als 600 Menschen beteiligt haben - darunter Zivilpersonen, Expert*innen sowie Vertreter*innen von zahlreichen Organisationen wie auch der Antidiskriminierungsstelle Steiermark.

Bodyshaming

Eine weitere Entwicklung, die ebenso junge Menschen betrifft, ist das sogenannte Bodyshaming, dem die Antidiskriminierungsstelle in ihrem aktuellen Bericht einen Schwerpunkt widmet. „Was früher als Verspottung, Beleidigung und Demütigung aufgrund des körperlichen Erscheinungsbildes galt, wird heute unter dem Schlagwort Bodyshaming zusammengefasst", erklärt Grabovac. Vor allem in den Sozialen Medien kommt es immer häufiger zu entwürdigenden und/oder entpersonalisierenden Bemerkungen über Personen und/oder deren Körper. Die negativen Kommentare beziehen sich nicht nur auf das Körpergewicht (dick, dünn etc.) und die Körpergröße (klein, groß etc.) von Personen, sondern auch auf die Körperbehaarung (Achselbehaarung, Kopfhaare, Frisur etc.) sowie auf die Figur und auf den Kleidungsstil. Tatsächlich sind erwachsene Frauen laut einer Studie zahlenmäßig am stärksten von Bodyshaming betroffen.
Immer öfter betrifft es aufgrund der Dynamik in den Sozialen Medien aber auch junge Menschen und hier im Speziellen auch junge Männer. Grabovac: „Während sich Frauen schon länger mit diesem Thema auseinandersetzen und sich langsam und mühsam aus dieser Negativspirale herauskämpfen, schlittern Männer geradewegs hinein und zählen zur neuen Zielgruppe von Bodyshaming. Gerade mediale Idealbilder, auf denen Männer breite Schultern und eine definierte Muskulatur haben, stellen Männer enorm unter Druck. Leider wird die Tatsache, dass diese medialen Idealbilder nicht der Wirklichkeit entsprechen, auch von Männern außer Acht gelassen."

Eine weitere Gruppe, die ebenfalls stark von Bodyshaming betroffen ist, ist die LGBTQI+-Community, die von Teilen der Gesellschaft ohnehin in ihrer Identität abgelehnt werden. Laut der LGBT-Foundation und einer Umfrage von BBC steigt bei Queere Personen, Transmenschen, Schwulen und Lesben die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper massiv. Als ein möglicher Grund für Bodyshaming kann das starke Aufkommen von Online Dating-Plattformen angesehen werden. Bei der Dating- App Grindr zum Beispiel hat sich der Usus einer Kategorisierung etabliert. So wird man von User:innen nach der Registrierung - je nach Aussehen - in Kategorien wie Bear, Hunk, Twink und Otter eingeordnet. Nicht genug, findet man dann auch einen der populären Hashtags „#nofatsnofems", was in etwa so viel bedeutet wie „Keine Fetten, keine Tunten" auf den Profilen einiger Nutzer:innen. Statistiken zur Folge führt dieses Verhalten zu enormem Druck, was nicht oft in Essstörungen, Depressionen und sogar Selbstmordgedanken umschlägt.

Grabovac: „Wir müssen hier bei der Jugend ansetzen. Diese muss in ihrer Einzigartigkeit gestärkt und in Akzeptanz geübt werden, denn wer sich selbst nicht akzeptiert, kann auch keinen anderen akzeptieren. Hierzu zählt ebenfalls der richtige Umgang mit Medien, welche das Problem in den letzten Jahren verstärkt haben. Nicht zuletzt ist eine Sensibilisierung zum Thema Bodyshaming und ihren Folgen notwendig. Herabwürdigung und Respektlosigkeit kränken die Psyche und machen ein glückliches, gesundes Leben unmöglich."

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Eine ganz andere Art von Altersdiskriminierung verdeutlicht der Bericht bei der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz. Hier sind es zumeist ältere Personen, die eine Benachteiligung erfahren müssen. „Die Digitalisierung bietet einen Fortschritt in so vielen Bereichen. Wir müssen nur darauf Acht geben, dass bei all dieser Schnelligkeit keine Menschen ausgeschlossen werden. Dies ist neben anderen Gruppen vor allem für ältere Menschen eine Gefahr als auch für Menschen mit niedrigem Bildungsstandard", so Grabovac. Immer wieder kommt es zu Fällen, in denen die „Künstliche Intelligenz" Menschen zum Beispiel keinen Kredit gewährt oder ihnen schlechte Chancen am Arbeitsmarkt prognostiziert. Grabovac: „Algorithmen müssen transparent und nachvollziehbar gestaltet werden, sodass etwaige Diskriminierungen schnell aufgezeigt und bereinigt werden können. Zusätzlich muss vor allem auf den Aspekt der sozialen, altersbedingten und geschlechterbedingten Ungleichbehandlung Bedacht genommen werden sowie Maßnahmen zum Abbau derartiger Hürden getroffen werden. Denn nur so kann ein fairer und die Grundrechte achtender digitaler Fortschritt erreicht werden."

Doris Kampus (Landesrätin Steiermark für Soziales, Arbeit und Integration): „Dürfen gegenüber Diskriminierung niemals gleichgültig werden“

„Gerade die vergangenen Jahre, aber auch viele aktuelle Ereignisse zeigen, dass vor Diskriminierung leider niemand gefeit ist. Sie kann uns alle treffen, in verschiedensten Lebensbereichen und aus unterschiedlichsten Gründen. Wir dürfen gegenüber Diskriminierung niemals gleichgültig sein, sondern wir müssen dagegen auftreten, uns mit Betroffenen solidarisch zeigen, aufklären und sensibilisieren sowie über den Einzelfall hinaus daran arbeiten, der Diskriminierung sukzessive den fruchtbaren Humus aus Hass und Hetze zu entziehen. Die Antidiskriminierungsstelle Steiermark ist längst zu einer solchen Institution geworden, die einzelnen Betroffenen zur Seite steht, aber auch strukturell gegen Diskriminierung ankämpft. Dafür möchte ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein großes Dankeschön sagen."

Robert Krotzer (Stadtrat Graz für Bildung und Integration): „Präventionsarbeit spielt eine Schlüsselrolle“

„Diskriminierungen können aufgebrochen werden, wenn wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und allen Menschen die gleiche Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. Dabei spielt die Präventionsarbeit eine Schlüsselrolle. Aufgabe der Politik ist es daher, Solidarität zu fördern, niemanden auszugrenzen, offen auf die Menschen zuzugehen, ihre Sorgen, Ängste, Nöte und Bedürfnisse ernst zu nehmen sowie die Präventionsarbeit entsprechend zu fördern."

Livia Perschy (Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Europäisches Trainings- und Forschungszentrum für Menschenrechte und Demokratie, ETC Graz): „Druck auf die diskriminierungsfreie Umsetzung des Menschenrechts auf angemessenen Wohnraum wird größer“

„Der Anstieg an steirischen Haushalten, insbesondere Einpersonenhaushalten, die stetige Urbanisierung des steirischen Zentralraums bei einem gleichzeitigen signifikanten Bevölkerungsrückgang in ländlichen, steirischen Regionen, der steigende Anteil der über 65-Jährigen, vor allem in diesen ländlichen Regionen, sowie die kontinuierlich steigenden Mietpreise üben seit Jahren Druck auf die diskriminierungsfreie Umsetzung des Menschenrechts auf angemessenen Wohnraum in der Steiermark aus. Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, wie der Höchstwert der Inflationsrate und explodierende Miet-, Heizungs- und Stromkosten, verstärken nochmals deutlich die ökonomische Belastung der Wohnungssuchenden in der Steiermark. Neben den als besonders benachteiligt identifizierten Gruppen der Alleinlebenden, nicht-österreichischen Staatsbürger:innen, Menschen mit Migrationsbiografie, Menschen, die mit psychischen oder psychiatrischen Erkrankungen leben, und einkommensschwachen oder -losen Haushalten, sieht sich nun auch die Gruppe der jungen Menschen unter 30 Jahren mit existenziellen Problemen beim Zugang und auch bei der Leistbarkeit von angemessenem Wohnraum in der Steiermark konfrontiert."

Antidiskriminierungsbericht finden Sie hier.

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